3. Studierende im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Der Leitfaden ist für verschiedene Zielgruppen konzipiert worden. Die schriftliche Darstellung von Christian Otto berücksichtigt daher weder eine Darstellung der Zielgruppe der Studierenden im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften noch eine genaue Bedingungsanalyse. Nachfolgend wird jetzt ein Teil der Bedingungsanalyse dargestellt.

Da das Deeskalationstraining bereits zwei Mal mit Studierenden im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften an der Fachhochschule Düsseldorf durchgeführt worden ist, wird das Konzept auf diese Zielgruppe ausgerichtet.

Eine Bedingungsanalyse ist hilfreich für die Vorbereitung des geplanten und reflektierten pädagogischen Arbeitens. Es umfasst einerseits das Sammeln, Bewerten und Ordnen von Informationen über die Zielgruppe. Andererseits sollen alle relevanten Komponenten und Faktoren untersucht werden.42

Eine Bedingungsanalyse erfolgt bereits im Vorfeld einer möglichen Angebotsplanung, um unter anderem den tatsächlichen Bedarf, die Vorerfahrungen der Zielgruppe und die finanziellen Möglichkeiten abzuklären.

Auf der Grundlage jener Informationen kann eine Zielformulierung entwickelt werden, welche im B-Teil dieser Arbeit wiedergegeben ist. Dort werden zudem auch die aus diesem Kapitel resultierenden Überlegungen genannt, welche sich für die praktische Planung des Deeskalationstrainings mit dieser Zielgruppe ergeben.

Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Anbieter dieses Fachbereiches sind Fachhochschulen. Seit Ende der 90er Jahre werden die Fachhochschulen im internationalen Sprachgebrauch als Universities of Applied Sciences bezeichnet. Es gibt staatliche und private Hochschulen. Die staatlichen Hochschulen werden zu einem kaum nennenswerten Teil von staatlichen Geldern unterstützt und zu einem Promillesatz an den Gesamtaufwendungen der von öffentlichen Geldern gespeisten Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beteiligt. Der finanzielle Etat der staatlichen Fachhochschulen ist daher eher als gering zu bezeichnen.

Die Fachhochschulen haben den bildungspolitischen Auftrag, praxisorientierte und wissenschaftliche Ausbildungsgänge anzubieten. Das Studium wird durch Praktika im Vorfeld, einem praktischen Studiensemester während des Studiums und durch praktisch orientierte Aufgabenstellungen (Studien- und Diplomarbeiten) charakterisiert.43 Fachhochschulen sind somit praktischer orientiert als die Universitäten.

Im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften werden die Studiengänge Sozialarbeit und Sozialpädagogik angeboten. Abgeschlossen werden diese Studiengänge bisher noch mit einem Diplom.44

Inhaltlich wird das Studium durch die Studienordnung der jeweiligen Fachhochschulen geregelt. Jede Fachhochschule entwickelt ein eigenes Vorlesungsverzeichnis mit den jeweiligen Seminarangeboten. In den Seminaren werden wissenschaftliche Grundlagen und Inhalte vermittelt, die für die Arbeit im sozialen Bereich relevant sind. Körperorientierte Seminare, die das eigene Erleben in bestimmten Situationen fördern, werden im Vergleich zu anderen Seminaren (z.B. Soziologie, Psychologie, Rechtswissenschaften usw.) in geringerer Anzahl angeboten (z.B. Seminare im Bereich Medienpädagogik und Methoden der Sozialarbeit).45

Studierende

Für die Untersuchung der Zielgruppe werden zwei Evaluationen der Fachhochschule Düsseldorf als Grundlage verwendet.

Die erste Evaluation wurde im Sommersemester 2005 mit 106 Studierenden im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften durchgeführt. Sie untersuchte die Einschätzungen der Studienbedingungen.

Die Evaluation hat unter anderem ergeben, dass:

  • 45,6% direkt nach dem Abitur studiert haben und
  • 46,6% über die Fachhochschulreife (also vor Studienbeginn eine Ausbildung oder ein Praktikum absolviert haben) verfügten.46

Innerhalb der Zielgruppe bestehen folglich unterschiedliche individuelle Voraussetzungen im Hinblick auf Erfahrungen, Alter und Vorkenntnisse.

  • 34 % der befragten Studierenden finanzieren ihr Studium durch eigene Mittel
  • 54,7% werden von den Eltern finanziell unterstützt
  • 34,9 % erhalten BAföG (Doppelnennungen waren möglich).47

Die finanziellen Ressourcen der Studierenden sind als gering zu bezeichnen.

Die Studienplätze werden von der ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) vergeben. Es ist also nicht gewährleistet, dass jeder Student einen Studienplatz am Wohnort erhält. Manche müssen für das Studium umziehen und sich in einem unbekannten Ort einleben.

Der Frauenanteil ist in diesem Studiengang sehr hoch.

Bei den Studierenden besteht folglich eine große Unterschiedlichkeit im Bezug auf die soziokulturellen Vorraussetzungen (wirtschaftliche Lage, soziale Bindungen, Bezugsgruppen etc.).48

Die zweite Evaluation der Fachhochschule Düsseldorf, welche im Januar 2006 durchgeführt worden ist und die einerseits die Erwerbstätigkeit, andererseits die Zufriedenheit der Studierenden bezüglich der Angebote im Fachbereicht Sozial- und Kulturwissenschaften untersuchen sollte, hat ergeben:

  • Die Studierenden wünschen sich eine größere Auswahlmöglichkeit im Bezug auf Seminare und mehr Praxisorientierung innerhalb der Seminare (14 Nennungen von 36).
  • Im Fach Psychologie wünschen sich 63,6 % der befragten Studierenden mehr Angebote.49

Praxiserfahrungen

Zur Untersuchung der Praxiserfahrungen der Zielgruppe wird nochmals die erste Evaluation der Fachhochschule Düsseldorf (2005) benannt.

Insgesamt verfügen:

  • 16% der befragten Studierenden über eine Ausbildung als Erzieher. Sie haben bereits im sozialen Bereich gearbeitet und zumindest im Anerkennungsjahr praktische Erfahrungen im Hort, im Heim oder im Kindergarten sammeln können.
  • Der Rest der Befragten hat andere Berufsausbildungen abgeschlossen.
  • In diesen verschiedenen Arbeitsbereichen waren:
  • 58,9 % bis zu 36 Monaten tätig.
  • der restliche Anteil der befragten Studierenden war zum Zeitpunkt der Umfrage bis zu 216 Monaten berufstätig.

Es wurden folglich unterschiedliche Erfahrungen im beruflichen Bereich gesammelt.

  • 73,2 % gaben an, dass sie zum Zeitpunkt der Befragung in einer sozialen Einrichtung tätig waren.50 In welchem Bezug diese Tätigkeit stattfand (z.B. Praktikum) war für die Zielstellung der Evaluation nicht relevant.

Das Studium an der Fachhochschule Düsseldorf beinhaltet ein 20 wöchiges Praxissemester, welches bei allen anerkannten Trägern des sozialen Arbeitsbereiches geleistet werden kann. Das vorher geforderte Anerkennungsjahr zum Abschluss des Studiums existiert nicht mehr.51

Zusammenfassung

Die Zielgruppe verfügt über unterschiedliche soziokulturelle Voraussetzungen. Es bestehen sowohl Unterschiede in der Altersstruktur als auch innerhalb der persönlichen und praktischen Erfahrungen. Die Heterogenität der Zielgruppe wird deutlich.

Die finanziellen Ressourcen der Studierenden sind eher gering und können nicht der Finanzierung des Trainings dienen.

Die Studierenden wünschen sich mehr praxisbezogene Seminare.

Die Praxiszeit im Studium hat sich nach der Abschaffung des Anerkennungsjahres weiter reduziert. Die Studierenden können nur wenig Praxiserfahrung sammeln. Sie müssen jedoch direkt nach dem Studium die vollen Aufgaben eines Sozialpädagogen oder Sozialarbeiters übernehmen. Der Bedarf der Zielgruppe für eine Teilnahme an einem Deeskalationstraining kann folglich als gegeben betrachtet werden.

Da das Deeskalationstraining praktisch orientiert ist und die Fachhochschulen den bildungspolitischen Auftrag haben, praxisorientierte und wissenschaftliche Ausbildungsgänge anzubieten, könnte es an den Fachhochschulen angesiedelt werden. Die Einreichung eines Konzeptes könnte dazu dienen, das Thema an den Fachhochschulen bekannt zu machen und konkrete Angebote vorzulegen. Im eventuell nachfolgenden persönlichen Gespräch könnte geklärt werden, ob die Fachhochschulen den Bedarf erkennen und die Kosten übernehmen, falls finanzielle Ressourcen vorhanden sind. Da das Deeskalationstraining in dieser Zielgruppe noch nicht sehr bekannt ist, müssen Strategien entwickelt werden, wie die Zielgruppe über das Angebot informiert werden könnte.

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