Der für das Deeskalationstraining grundlegend wichtige Themenbereich der Gewalt und Aggression wird im Leitfaden nur sehr kurz behandelt. Daher findet nun eine umfassende Darstellung statt.
Konflikte sind, wie im Kapitel 5 dargestellt, Teil unseres Lebens. Da sie nicht nur konstruktiv gelöst werden, müssen Aggression und Gewalt als eine Möglichkeit des Umganges mit Konflikten beschrieben werden. In der psychologischen und sozialpsychologischen Forschung, die in dieser Arbeit verwendet wird, besteht zurzeit noch kein eigenständiges Fachgebiet für die Gewaltforschung. Daher werden die Grundlagen der Aggressionsforschung, von denen angenommen wird, dass sie sich auch auf die Gewalt anwenden lassen, dargestellt.100
Definitionen Aggression, Aggressivität und Gewalt
Psychologische Definitionen sehen die Gewalt als Teilbereich der Aggression an. Daher sind alle älteren Definitionen auf beide Begriffe anwendbar. Um eine optimale Unterscheidung der Begriffe vornehmen zu können, werden sowohl Ältere als auch eine neuere Definition angeführt.
Definition Aggression
Typische ältere psychologische Definitionen bestimmen Aggression als ein auf Schädigung gerichtetes Verhalten.
Erste Definition: „Aggression umfasst jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen, intendiert wird.“101
Andere Definitionen verwenden statt schädigen Begriffe wie verletzen oder wehtun.
Zweite Definition: Aggression ist „ein schädigendes und destruktives Verhalten[…], das im sozialen Bereich auf der Grundlage einer Reihe von Faktoren als aggressiv definiert wird, von denen einige eher beim Beurteiler als beim Handelnden liegen.“102
Albert Bandura vereint die Intentionalität der handelnden Person und auch die Bewertung des Verhaltens durch andere Personen. Heute wird dazu übergegangen, die Begriffe der Aggression und die der Gewalt voneinander zu trennen.
Dritte Definition: „Mit Aggression (lateinisch aggredi = herangehen, heranschreiten) ist jedes Verhalten gemeint, das im wesentlichen das Gegenteil von Passivität (Untätigkeit) und Zurückhaltung (Lethargie) darstellt.“103
Die Aggression ist nach dieser Definition eine dem Menschen innewohnende und lebensnotwendige Eigenschaft und Energie. Zur Aggression gehören der Streit, die Auseinandersetzung und der Konflikt, folglich alles, was einen Menschen aktiv werden lässt.104
Die neuere Definition von Aggression hat sich bisher noch nicht im psychologischen Bereich durchgesetzt. Durch sie ist die Aggression eindeutiger von der Gewalt zu unterscheiden und wird im Bereich der Gewaltprävention oft verwendet.
Die unterschiedlichen Vorstellungen von Aggression in den verschiedenen älteren Theorien und die umgangssprachliche bzw. pseudotheoretische Verwendung des Begriffs haben dazu geführt, dass die Bedeutung immer mehr verschwimmt. Unter dem Begriff Aggression stellt sich jeder etwas anderes vor. Doch trotz dieser Unterschiede gibt es einen gemeinsamen Kern im Aggressionsverständnis der meisten Menschen, welchen auch den der Gewalt umfasst. Der Kern ist dreigeteilt in Schaden, Intention und Normabweichung. Der Schaden und die Intention werden auch in psychologischen Definitionen verwendet (s.o.), die Normabweichung dagegen nicht.105
Das Urteil darüber, ob Aggression vorliegt, ist eine Frage persönlicher Anschauungen. Dieselbe aggressive Handlung kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Eine Handlung, die aus dem eigenen Blickwinkel legitim erscheint, wird nicht als Aggression gewertet.106
Definition Aggressivität
Die Aggressivität wird oft synonym mit der Aggression verwendet und muss folglich abgegrenzt werden. Auch hier ist der Sprachgebrauch nicht ganz einheitlich. In der Psychologie benennt die Aggressivität die: „individuelle Disposition zu aggressivem Verhalten“.107 Die Aggressivität beschreibt eine individuelle Eigenschaft. Beispiel: X ist aggressiver als Y.
Definition Gewalt
In der Psychologie wird die Gewalt gewöhnlich als schwerwiegende Form der Aggression bezeichnet (z.B. körperliche Angriffe). In manchen Publikationen und auch in der Alltagssprache ist zunehmend von verbaler Gewalt oder psychischer Gewalt die Rede.108
Erste Definition: Laut WHO-Definition ist Gewalt „der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führt.“109
Diese Definition ist genauer als alle unter Punkt 6.1.1 genannten. Als Gewalt bezeichnet wird demnach nur, wenn absichtlich mit körperlichem Zwang oder physischer Macht gedroht bzw. sie angewandt wird. Zudem wird der daraus folgende Schaden, ob nun konkret oder zu erwarten, klar beschrieben.
Es gibt eine weitere Definition, die auch die Fahrlässigkeit mit einbezieht:
Zweite Definition: „Gewalt liegt immer dann vor, wenn Menschen gezielt oder fahrlässig physisch (körperlich) oder psychisch (seelisch) geschädigt werden. Gewalt ist immer an Macht geknüpft.“110
Diese Definition wird auch im Bereich der Gewaltprävention eingesetzt und grenzt die Gewalt klar von der Aggression ab.
Der Begriff der Gewalt stellt, wie auch der Begriff der Aggression, ein äußerst diffuses und komplexes Phänomen dar. Bei der Definition der Gewalt spielen die Bewertungen einzelner Menschen eine große Rolle.111
Entstehung von Aggression und Gewalt
Damit Aggression und Gewalt gemindert werden können, muss zunÄchst beleuchtet werden, wie sie entstehen.
Es liegen verschiedene Theorien zur Entstehung von Aggression und Gewalt vor. Die Annahme eines Aggressionstriebes (Psychoanalyse von Freud, Ethologische Instinkttheorie nach Lorenz) hat in der wissenschaftlichen Psychologie nur noch eine historische Bedeutung und wird daher nicht genannt.112 Heute vertritt kaum noch jemand eine reine Lehre. Keine seriöse Aggressionsforschung versucht noch, nur mit den drei Kernbegriffen Trieb, Frustration und Lernen auszukommen, um die Vielfalt aggressiver Erscheinungen zu erklären. Daher werden auch die Modelle der Frustrations-Aggressions-Theorie (Dollard Miller et al.) und behavioristische Lerntheorien, die sich nur mit positiver und negativer Verstärkung befassen (vor allem Skinner), nicht angeführt.113
Die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura
Bandura hat mit seinem Ansatz des sozialen Lernens ein breites Modell vorgelegt. Das Modell hat eine Vielzahl anderer Studien angeregt und wird daher benannt. Bandura (1979, 1986) unterscheidet drei Arten von Bedingungen für die Entstehung von Aggression.
Bedingung 1: Prozesse, wodurch aggressive Verhaltensmuster erworben werden
Bandura betont besonders die Bedeutung des Lernens durch Beobachtung. Aggressives Verhalten wird von Modellen (Familie, Medien, (sub)kulturelles Umfeld) an den Beobachter vermittelt, wenn das Modell Erfolg mit seinem Verhalten hat. Es liegen zahlreiche Belege über einen Zusammenhang von Gewalterfahrungen in der Herkunftsfamilie und späterer eigener Gewalt gegenüber dem Partner und den eigenen Kindern vor.
Der Erwerb aggressiver Verhaltensmuster kann auch durch Peergroups unterstützt werden (z.B. werden Normen und Werte vermittelt, Konsum von Alkohol und Drogen). In Wohngegenden, in denen die soziale Kontrolle nicht greift, bieten sich im Alltag zahlreiche Modelle dafür.
Kinder und Jugendliche stehen zunehmend unter dem Einfluss von Medien (insbesondere Fernsehen und Videos, aber auch Internet, Handys, Videospiele). Der direkte negative Effekt der Gewalt in den Medien ist eher mäßig, obwohl sich massive Gewalttaten im Programm befinden. Entscheidender sind aber die indirekten Effekte, da die Konsumenten sich an Gewalt gewöhnen und abstumpfen.
Bedingung 2: Einflüsse, die in einer konkreten Situation die Aggression auslösen
Nach Bandura hängt es wesentlich von den Merkmalen der individuellen Situation ab, ob die erworbenen aggressiven Verhaltensweisen zur Anwendung kommen. Aggressives Verhalten kann durch einen tatsächlichen Angriff, eine Provokation oder ähnliches ausgelöst werden. Das kann ebenso durch verschiedene Anreize (z.B. ein erhoffter materieller Vorteil, Statusgewinn) geschehen. In Konfliktsituationen kann das Verhalten anderer enthemmend wirken (z.B. Mitläufer, die alleine nie ein solches aggressives Verhalten gezeigt hätten). Eine zusätzliche Rolle spielt der Konsum von Alkohol und Drogen, welche die Handlungskontrolle senken.
Bedingung 3: Prozesse, die für die Aufrechterhaltung ausgelöster aggressiver Prozesse verantwortlich sind
Dritte, die bei der Tat zusehen, müssen unbedingt entfernt werden, da sie den Täter zu aggressivem Verhalten ermuntern könnten, aber auch selbst Opfer von Gewalt werden könnten. Zudem müssen Sanktionen erfolgen, da ansonsten das Verhalten bekräftigt wird.
Neben den Einflüssen von außen sind auch die selbst regulierenden Mechanismen bei der Handlungsbewertung während oder nach einer Gewaltausübung bedeutsam (z.B. Ehrenkodex bei Hooligans). Die Erfüllung dieser internen Standards hat zur Folge, dass daraus eine positive Selbstwertung resultiert. Das gewalttätige Verhalten wird bekräftigt. Umgekehrt können aber auch negative Gefühle (z.B. Scham) auftreten, wenn die Standards nicht erfüllt werden. Diese negativen Gefühle können dann auch die Wahrscheinlichkeit des Auftretens aggressiven Verhaltens senken.114
Da sich die moderne empirisch begründete Aggressionspsychologie überwiegend zu multikausalen Erklärungsmodellen hinbewegt hat, kann auch die sozial-kognitive Lerntheorie nur dann eine umfassende Erklärung vermitteln, wenn sie Aspekte mit einbezieht, die nicht oder nicht direkt unter den Aspekt des Lernens fallen.115 Daher werden nun zwei weitere Modelle zur Entstehung von Aggression und Gewalt vorgestellt.
Das Modell der Verarbeitung sozialer Informationen von Crick und Dodge
Zu diesem Modell muss ergänzt werden, dass externe Informationen verbal oder nonverbal gegeben werden können und hier die Vielschichtigkeit der Kommunikation beachtet werden sollte.
Für die Schwierigkeiten der sozialen Anpassung, insbesondere dem Auftreten eines aggressiven Verhaltensstils, werden von Nicki A. Crick und Kenneth A. Dodge (1990, 1994) Defizite der kognitiven Verarbeitung sozialer Informationen verantwortlich gemacht. Diese Verarbeitungsprozesse bestimmen und begleiten das Verhalten in sozialen Situationen. Basierend auf den Arbeiten von z.B. Bandura haben sie ein Modell zur sozialen Informationsverarbeitung entwickelt.
Nach der Grundannahme dieses Modells verarbeitet ein Individuum die Informationen mit einer biologisch begrenzten Kapazität und seinen eigenen spezifischen Lernerfahrungen. Das daraus resultierende situative Verhalten ist eine Funktion der zwischengeschalteten kognitiven Prozesse der Informationsverarbeitung.
In der ersten Phase (Enkodierung einer Information) finden die Wahrnehmung und die Verarbeitung interner Empfindungen der Person und externer Reize statt. Bei zur Aggression neigenden Menschen wurde festgestellt, dass sie über eine typische selektive Aufmerksamkeit für feindselige Reize verfügen.
In der zweiten Phase (Interpretation der Information) werden äußeren und inneren Ereignissen Ursachen zugeschrieben, z.B. wird dem Verhalten einer Person eine Intention unterstellt. Das Einfühlen in die Gefühlslage des Interaktionspartners ist in dieser Phase auch wichtig. Hier wurden bei zur Aggression neigenden Menschen Defizite beobachtet.
Wenn die Situation interpretiert ist, werden die Ziele für den Ausgang der sozialen Interaktion festgelegt bzw. modifiziert (Zielabklärung). Aggressiv betonte Menschen fallen besonders durch unangemessene und egozentrische Ziele auf.
Wenn die Ziele für die Interaktion gesetzt sind, kann das Individuum mögliche Reaktionen (abhängig von der ähnlichkeit der Situation) aus seinem Verhaltensrepertoire abrufen (Reaktionssuche). Nach bisherigen Untersuchungen verfügen aggressive Menschen über weniger kompetente Lösungen.
In der fünften Phase (Handlungsauswahl und Bewertung) werden die verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten bezüglich ihrer Angemessenheit und Effizienz bewertet. Als Grundlage dienen z.B. Vorerfahrungen, die subjektive Bewertung der aktuellen Situation und das Wissen um die Regeln des sozialen Umgangs. Bei aggressiv betonten Menschen wurde wiederholt eine kurzsichtige Folgeabschätzung beobachtet.
In der 6. Phase wird die ausgewählte Handlung ausgeübt (Handlungsinitiierung). Es wird abgeglichen, ob die Handlungssequenz aufrechterhalten wird oder auf Grund von z.B. Erwartungen etwaiger Konsequenzen abgebrochen wird. Aggressiven Menschen konnten deutlich geringere Verhaltenskompetenzen in sozialen Kontakten nachgewiesen werden.
Der Ausgang dieser Prozesse bestimmt die folgende Interaktion. Diese löst neue Verarbeitungsprozesse aus, so dass sich die Informationsverarbeitung ständig in einem Zyklus wiederholt. Es wird angenommen, dass die Prozesse automatisiert ablaufen und nicht unter bewusster, reflektierender Kontrolle des Individuums stehen.
Als Ursachen für diese Defizite werden biologische Einflüsse vermutet, aber auch ungünstige elterliche Erziehungsziele verantwortlich gemacht.117
Die bio-psycho-sozialen Modelle der Entwicklungspsychopathologie
Nicht jeder Mensch reagiert aggressiv. Bislang ist eine Reihe von Wechselwirkungen zwischen einzelnen Risikofaktoren gut belegt. Das Verständnis für die Zusammenhänge und neutralisierenden Prozesse zwischen einzelnen Risiko- und Schutzfaktoren dissozialen Verhaltens ist jedoch gering. Man vermutet, dass die Effekte zudem noch einer zeitlichen Dynamik unterliegen. Das heißt, dass sich einzelne protektive Faktoren und Risikofaktoren im Entwicklungsverlauf (von der Geburt bis ins Jugendalter) verlieren, verstärken oder umkehren können.
Pränatal und perinatal können Faktoren belegt werden, die die spätere Entwicklung dissozialen Verhaltens negativ beeinflussen können. Hierzu zählen genetische Dispositionen, welche durch ihre Wechselwirkung mit der Umwelt des Kindes ein Risiko darstellen (z.B. Verstärkung aggressiver Verhaltenstendenzen).
Biologische Risiken, wie z.B. Drogen- oder Alkoholabhängigkeit der Mutter, Fehl- oder Unterernährung der Mutter oder eine Sauerstoffuntervesorgung, sind gut belegt.
Einzelne Faktoren treten nicht immer unabhängig voneinander auf. Besonders im Multi-Problemmillieu spielen Faktoren zusammen (z.B. biologische Risiken und weitere psychosoziale Risikofaktoren wie Armut, Erziehungsüberforderung, Verwahrlosung).
Nicht jeder Mensch, der mehrere Risikofaktoren in sich trägt, zeigt aggressives Verhalten. Es wird angenommen, dass die vorhandenen Risikofaktoren durch Schutzfaktoren neutralisiert werden. Schutzfaktoren können erworbene soziale Kompetenzen wie Empathie oder die Fähigkeit zur Lösung von Konflikten sein, aber auch ein positiver Selbstwert, welcher sich auf die Bewältigung psychischer Belastungen positiv auswirken kann (Copingstrategien).
Bislang ist die intellektuelle Kompetenz nicht eindeutig belegt. Es scheint aber eine etwa durchschnittliche intellektuelle Begabung für die Hemmung dissozialen Verhaltens auszureichen.
Neuere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die bio-psycho-sozialen Modelle einen erheblichen Teil der Varianz dissozialen Verhaltens aufklären können.118
Sozialarbeiter und Sozialpädagogen arbeiten mit Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Da sie auch mit allen in den drei Modellen aufgeführten Personengruppen in Kontakt kommen, sollten sie auf eventuelle schwierige Situationen vorbereitet werden.
Aggressionsminderung
Im vorangegangenen Kapitel 6.2 wurde ausführlich dargestellt, wie Aggression und Gewalt entstehen. Aus diesen Informationen und aus dem Grundlagenwissen zum Thema Konflikt sind Handlungsempfehlungen abgeleitet worden, die die Aggression und die Gewalt mindern können.
Im Folgenden wird der Teilausschnitt der Aggressionsminderung im Bezug auf das Deeskalationstraining beleuchtet.
Affektionskurve: Gewaltzyklus unter Stress
Das Schaubild wird auch im Deeskalationstraining aufgezeigt, um darzustellen, bis zu welchem Zeitpunkt eine Deeskalation wirksam ist und was dabei beachtet werden sollte. Sie wird dort als Gewaltkurve bezeichnet.
I auslösendes Ereignis
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten auslösender Ereignisse (eine Provokation; der Klient könnte etwas erreichen wollen, was ihm nicht gestattet worden ist; es könnte ein länger bestehender Konflikt eskalieren etc.). Festzustellen ist, dass ein steiler Anstieg der Aggression erfolgen kann.
II Eskalation
Wenn die besondere Alltagsverhaltensgrundlinie verlassen wird, steigt die Atemfrequenz, die Muskelspannung erhöht sich, die kognitiven Fähigkeiten werden reduziert und Adrenalin wird ausgestoßen. Der Körper bereitet sich auf den Kampf oder die Flucht vor. Da jeder Mensch verschieden ist und eine andere Lebensgeschichte mit sich bringt, kann eine Eskalation langsamer oder schneller erfolgen. Die Wellenbewegungen in der zweiten Phase können auch den Eindruck entstehen lassen, dass sich der Klient wieder beruhigt. Fehleinschätzungen der Gewaltdynamik können die Deeskalation erschweren. In der Eskalationsphase ist es besonders wichtig, dass der Pädagoge die Selbstkontrolle behält, damit er professionell handeln kann. Der Pädagoge kann durch Fortbildungen, Trainings und durch das Zurückgreifen auf den eigenen Erfahrungsschatz mehr Selbstkontrolle entwickeln und sich somit auf schwierige Situationen vorbereiten. Um die kognitive Leistungsfähigkeit zu erhalten, sollte der Pädagoge die eigene Atemfrequenz kontrollieren, um ruhig zu bleiben. Außerdem sollte bewusst gesprochen, gedacht, und gehandelt werden.
III Krise
Wer sich in einer Krise befindet, muss schnell entscheiden. Dieser Umstand kann zu fehlerhaften Verhalten seitens des Klienten, aber auch seitens des Pädagogen führen (Anschreien, zu geringe Körperdistanz, Kampf etc.). Deeskalative Verhaltensmöglichkeiten sollten trainiert werden, um bewusst und reflektiert angewendet werden zu können. In der dritten Phase muss bedacht werden, dass der Klient über einen gewissen Zeitraum nicht mehr kognitiv erreichbar ist. In dem Zeitraum könnte Gewalt gegen sich selbst, gegen Gegenstände oder andere Personen stattfinden. Bei engagierten oder unerfahrenen Mitarbeitern wurde festgestellt, dass sie eher dazu neigen, die Selbstkontrolle zu verlieren, wodurch eine Eskalation begünstigt werden kann.
IV Entspannung
Der Klient soll genügend Zeit und Raum erhalten, um zur Entspannung zu kommen. Widersacher sollten in unterschiedliche Räume gebracht werden, um eine weitere Eskalation zu vermeiden.
V Nach-Krisen-Depression
Erst in der fünften Phase kann der Klient wieder kognitiv erreicht werden. Zu diesem Zeitpunkt kann eine Problemlösung im Gespräch stattfinden. Die Situation kann vom Pädagogen mit anderen Kollegen reflektiert werden, um weitere mögliche Konflikte professionell lösen zu können.120
In der Darstellung (Abb. 8) und Erläuterung wird ersichtlich, dass eine Deeskalation so früh wie möglich stattfinden sollte, um ihren Erfolg zu sichern. Die Affektionskurve ist in ihrem Ablauf nicht auf alle schwierigen Situationen zu übertragen. Jeder Mensch verweilt unterschiedlich lang in den jeweiligen Phasen. Aufgrund dieser Tatsache können manchmal nur noch ein Rückzug des Pädagogen und der Schutz der unbeteiligten Klienten erfolgen. Unerfahrene untrainierte Pädagogen verlieren schneller die Selbstkontrolle. Bei den Studierenden kann nicht vorausgesetzt werden, dass sie Erfahrungen im Hinblick auf schwierige Situationen erlangt haben (Kap. 3.4) Ihr Bedarf für ein Deeskalationstraining wird erneut offensichtlich.
Handlungsempfehlungen in konkreten Gewalt-, Bedrohungs- und Konfliktsituationen
Die Handlungsempfehlungen beziehen sich einerseits auf jegliche Vermeidung von Aggressionsanregern, andererseits werden aber auch Grundregeln vermittelt, die innerhalb einer Deeskalation beachtet werden sollten. Im Handout des Leitfadens wurden bereits kurz und zusammenfassend die wesentlichsten Handlungsempfehlungen beschrieben. Sie werden in diesem Kapitel ausführlich dargestellt, damit ein Verständnis der Theorievermittlung im Deeskalationstraining ermöglicht werden kann. In der praktischen Darstellung werden Verweise zu den hier aufgeführten Interventionen vollzogen. Die Vorgehensweise ermöglicht die Vermeidung von Wiederholungen.
Die Handlungsempfehlungen sind in verbale Kommunikation, nonverbale Kommunikation und Grundregeln zur Deeskalation aufgeteilt. Die Unterteilung ermöglicht eine gute Darstellung aller zu beachtender Handlungsempfehlungen.
Verbale Kommunikation
Die verbale Kommunikation ist das am häufigsten angewendete Mittel, um in schwierigen Situationen deeskalativ einzugreifen. Daher ist es wichtig einerseits die Möglichkeiten, andererseits aber auch die Grenzen der Kommunikation zu kennen und zu berücksichtigen. Die Aufrechterhaltung der Kommunikation sorgt dafür, dass sich die Wahrscheinlichkeit körperlicher Gewalt reduziert. Daher werden folgende Handlungsempfehlungen gegeben:
Wertschätzung signalisieren und einfühlendes Eingehen auf Gefühle und Erlebnisinhalte
Eine empathische Einfühlung in die Gefühlswelt und Situation des aggressiven Menschen kann deeskalierend wirken. Dem Gegenüber wird das Gefühl vermittelt, angenommen zu sein, wodurch sich die Kooperationsbereitschaft erhöhen kann.
Eine Verwendung von Fremdwörtern sollte vermieden werden, damit eine überforderung des Klienten vermieden werden kann.
Kommunikationstüröffner verwenden
Kommunikationstüröffner beinhalten keine persönlichen Gedanken, Urteile oder Gefühle des Empfängers. Sie fordern den Sender dazu auf, an seinen Gedanken und Gefühlen etc. teilhaben zu lassen. Beispiele hierfür sind: „Wirklich?“, „Interessant!“, „Ah!“, „mm…“.
Kommunikationskiller vermeiden
Aussagen, die den Kommunikationsfluss unterbrechen, sollten unbedingt vermieden werden, da sie inhaltlich eine negative Bewertung, Vorwürfe oder eine geringe Wertschätzung signalisieren. Beispiele hierfür sind: „Das kann ich einfach nicht verstehen!“, „Was soll dieser Unsinn schon wieder?“, „Jetzt möchte ich aber wissen, was das zu bedeuten hat!“
Dosiert reden
Zu Unrecht wird angenommen, dass ein Mehr an Einwirkungsversuchen auch mehr Effekt mit sich bringt. Inhaltliche Absprachen im Team und ein einzelner Kommunikationspartner sind erforderlich. Andernfalls besteht die Gefahr, dass zu viele Themen und Ebenen angesprochen werden.
Blockaden erkennen und sinnvoll nutzen
Vermehrte verbale Kommunikation ist nicht immer der Grund dafür, dass Gespräche verweigert werden. Es kann sein, dass Zeit und Ort nicht richtig gewählt sind. Es ist manchmal sinnvoll, wenn zuerst ein wenig Abstand gewonnen werden kann, bevor ein Gespräch stattfindet. Manche Themen sollten unter vier Augen besprochen werden. Es besteht auch immer die Möglichkeit, dass man selber nicht der geeignete Gesprächspartner ist.
Einfühlsame Feedbacks und Ich-Botschaften
Methodisch wurden das Feedback und die Ich-Botschaften in KapitelÊ4.4.6 ausgeführt. Die Feedbacks erfüllen verschiedene Funktionen. Durch Feedbacks kann dem Klienten signalisiert werden, dass der Pädagoge aufmerksam zuhört und Interesse für das Problem besteht. Durch die Methode kann der Klient zum Reden angeregt werden. Feedbacks lassen erkennen, ob gesendete Nachrichten richtig verstanden worden sind. Sie fördern die Selbstexploration und bieten dem Pädagogen die Möglichkeit, fördernd und unterstützend auf den Klienten einzuwirken.
Die Ich-Botschaften sind eine Sonderform der Feedbacks. Dem emotional erregten Menschen kann durch die Methode verdeutlicht werden, was als Problem gesehen wird. Die Betroffenheit des Betreuers kann durch die Botschaften signalisiert werden. Zudem kann der Klient auf mögliche Auswirkungen seines Verhaltens hingewiesen werden. Das ist wichtig, da Konsequenzen in emotional besetzten Situationen häufig vergessen werden. Die Methode sollte eingeübt werden, um wirkungsvoll angewendet werden zu können.
Zuhören statt diskutieren
Beim passiven Zuhören (Schweigen) kann dem anderen Menschen das Gefühl gegeben werden, dass er angenommen wird. Er kann sich aussprechen und „Dampf“ ablassen. Der Empfänger reagiert z.B. nur durch Kopfnicken. Beim aktiven Zuhören wird gezeigt, dass Botschaften inhaltlich verstanden werden und sie weder interpretiert noch bewertet werden. Es soll lediglich signalisiert werden, dass man sich in die Welt des Klienten einfühlen möchte. Durch das aktive Zuhören kann das Problem unter Umständen auf kognitivem Wege erfasst werden. Ja- oder Nein-Antworten sollten vermieden werden, damit ganze Zusammenhänge erfasst werden können.
Offene Fragen stellen, Warum- Fragen nur selten benutzen
Offene Fragen können nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden. Sie dienen dazu, das Gespräch in Gang zu halten. Die offenen Fragen können auch dazu dienen, Fakten zu ordnen und daraus Erkenntnisse zu ziehen. Sie können eine emotionale Eskalation mindern und das Problem auf der kognitiven Ebene halten. Die Klienten erhalten die Möglichkeit, in einer Weise zu antworten, die einen Gesichtsverlust ihrerseits verhindert. Warum-Fragen können immer als Tadel aufgefasst und somit als Provokation gewertet werden.121
Nonverbale Kommunikation
Der Ausdruck der Emotion erfolgt über nonverbale Kanäle. Es ist daher nützlich, Menschen auf diese Signale hin zu beobachten, aber auch selber richtige Signale zu senden. Das Sprechen sollte immer von kongruenten nonverbalen Signalen gestützt werden. Dabei sind mehrere Bereiche zu unterscheiden:
Augen als Kommunikationsmittel
Mit den Augen werden auch nonverbale Signale gesendet. Das Ausma§ der Blickkontakte spielt eine wichtige Rolle. Wird ein Gegenüber angestarrt, kann es als Bedrohung aufgefasst werden. Wenn jemand kaum angeschaut wird, kann der Eindruck entstehen, dass das Gegenüber nicht interessiert ist und auch nicht zuhört. Es muss folglich das richtige Ma§ gefunden werden. Daher wird empfohlen, einen Augenkontakt herzustellen, ohne zu starren.
Sprechweise berücksichtigen
Sprechtempo, Sprachrhythmus, Lautstärke und Tonhöhe können eskalierend und deeskalierend wirken. Eine hektische und laute Stimme kann erregend wirken, wohingegen eine leisere und tiefere Stimme als die des Aggressors entspannend wirken kann.
Körpersprache
Der Empfänger und der Sender gleichen sich in ihren Bewegungsmustern aneinander an. Es ist also hilfreich, wenn eine entspannte Körperhaltung eingenommen wird, da die Wahrscheinlichkeit steigt, dass diese vom Gegenüber ebenfalls angenommen wird. Hektische Bewegungen (könnten als Bedrohung aufgefasst werden) und angespannte Gesichtszüge sind deshalb unbedingt zu vermeiden. Eine unbedrohliche (neutrale) Körperhaltung sollte eingenommen werden (z.B. Hände gut sichtbar und seitlich am Körper halten)
Berührungen und Körperkontakt
Die Akzeptanz von Berührungen ist vom Ausma§ der Erregung abhängig. In emotional gespannten Situationen sollte jeglicher Körperkontakt unterlassen werden, da dieser als Aggression oder als Angriff gewertet werden könnte.
Körperliche Nähe und Distanz flexibel einsetzen
In aggressiv gespannten Situationen sollte man sich immer au§erhalb der unmittelbaren Schlagdistanz befinden und darauf achten, dass sich z.B. ein Tisch als Barriere zwischen dem Klienten und dem Pädagogen befindet. Dem Klienten sollte nie der Rücken zugedreht werden, um immer sehen zu können, was er macht. Ein gut sichtbares Nähern verringert die Wahrscheinlichkeit eines bedrohlichen Eindruckes.122
Sicherheitsabstand
Der Sicherheitsabstand (persönliche Distanzzone) ist kulturell und individuell festgelegt. Die persönliche Distanzzone lässt sich auf ca. 60 cm festlegen. Der räumliche Abstand zwischen den Kommunikationspartnern sollte ausreichend groß sein, da jegliches Eindringen in die Distanzzone als Bedrohung aufgefasst werden kann.123
Grundregeln
Im folgenden Teil werden grundlegende Verhaltensweisen benannt, die zum Gelingen einer Deeskalation beachtet werden sollten. Die Grundregeln beinhalten zum Teil eine Zusammenfassung der bereits genannten Interventionen. Die Vorgehensweise verhilft zu einem optimalen überblick aller zu beachtender Interventionen.
Rechtzeitig eingreifen
Die Wahrscheinlichkeit einer gewalttätigen Auseinandersetzung sinkt, je eher in eine emotional geführte Interaktion eingeschritten wird. Konflikt klärende Gespräche könne auch auf einen anderen Zeitpunkt verlegt werden.
Kontrolle bewahren, Regeln einhalten, Grenzen setzen
Es ist wichtig, die Kontrolle über sich selbst und auch über die Situation zu bewahren. Nicht die Klienten sollen kontrolliert werden. Mögliche Konsequenzen sollten ohne die Verwendung von Drohungen aufgezeigt werden. Dem Klienten müssen die Auswirkungen seines Verhaltens verdeutlicht werden, um sein altes Verhalten ablegen zu können. Die Kontrahenten sollten die Möglichkeit erhalten, sich zurückzunehmen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Klagende Monologe sollen vermieden werden und die Einhaltung der verbalen und nonverbalen Kommunikationsregeln sollten beachtet werden. Zudem sollte eine Aufzählung möglicher Lösungen erfolgen, um dem Klienten Handlungsalternativen zu veranschaulichen, die er in seinem erregten Zustand nicht mehr wahrnimmt (z.B. „eine Bank bauen“, s. Leitfaden). Zugeständnisse können nur in Bereichen erfolgen, die das Verhalten des Klienten nicht verstärken.
Sicherheit
Teams, die mit Gewalthandlungen von Klienten rechnen müssen, sollten eine eigene Sicherheitskultur entwickeln. Dies betrifft z.B. eine Schaffung von technischen Voraussetzungen (z.B. Alarmvorrichtung), den Einsatz qualifizierter Mitarbeiter, ständige Fort- und Weiterbildungen, Supervision und die Nachbetreuung von Mitarbeitern, die Gewalt ausgesetzt waren.
Im Vorfeld sollte ein Plan zum Umgang mit Gewaltsituationen überlegt werden. Zudem sollte sich kein Mitarbeiter unüberlegt in eine gefährliche Situation begeben, da auch der eigene Kampfinstinkt ausgelöst werden könnte.
Im akuten Fall sollten zwei Betreuer tätig werden. Der Ruhigere von ihnen kann die unmittelbare Kommunikation mit dem Aggressor führen. Der andere Mitarbeiter sollte sich dezent im Hindergrund halten. Die Strategie gibt dem aktiven Kollegen ein Gefühl der Sicherheit und ein Einschreiten des unbeteiligten Kollegen ist jederzeit möglich. Zudem ist es sinnvoll, wenn der Kollege, der über eine gute Beziehung zum Klienten verfügt, interveniert, da eine gute Kommunikation über die Beziehungsebene erfolgen kann.
Die Fluchtwege müssen immer offen gehalten werden. Der Aggressor darf sich niemals eingeengt fühlen. Potentielle Waffen sollten bereits im Vorfeld entfernt werden, damit sie nicht zum Einsatz kommen können. Es muss auch beachtet werden, dass Waffen, die auf den ersten Blick nicht als solche definiert werden (z.B. Flaschen, Scheren etc.) ebenfalls weggeschlossen sind. Falls das im Vorfeld nicht erfolgt ist, könnte das ein Kollege, der sich im Hintergrund befindet, erledigen.
Die Zuschauer müssen unbedingt entfernt werden, damit keine Anreize bestehen (z.B. Anfeuern, Statuserhöhung) und sie vor übergriffen geschützt werden können.
Die Kontrahenten sollten getrennt werden, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Ein eigener sicherer Stand (z.B. Beine hüftbreit auseinander, locker in den Knien) sorgt dafür, dass eventuellen körperlichen Attacken ausgewichen werden kann und man selber nicht leicht umgestoßen werden kann.
Risikoabwägung in der akuten Situation
In Problemsituationen gibt es häufig Bedingungen, die eine Risikoabwägung erleichtern. Treten mehrere Bedingungen zugleich auf, ist erhöhte Vorsicht geboten. Die Bedingungen sind vielfältig und werden nacheinander benannt:
Schwierige Bedingungen sind gegeben, wenn der potentielle Aggressor einer Gruppe angehört, in der Gewalt zur Norm gehört und bekannt ist, dass er zu gewalttätigen übergriffen neigt. Daher sollte ein Wissen um die bisherige Lebensgeschichte und Erfahrungshintergründe des Klienten bestehen.
Schwierige Bedingungen bestehen auch, wenn der Aggressor bereits hoch erregt ist. Steht er unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen, ist ein gewalttätiger übergriff wahrscheinlicher, da die Substanzen enthemmend wirken.
Wird bereits mit Gewalt gedroht, kann eine Deeskalation erschwert werden. Daher sollte immer auf Anzeichen von Erregung geachtet werden (z.B. geballte Fäuste, rote Flecken im Gesicht etc.)
Keine gute Bedingung ist gegeben, wenn sich der Aggressor ungerecht behandelt fühlt und ein Beziehungsproblem zum potenziellen Opfer besteht.
Falls eine psychische Erkrankung vorliegt, kann unter Umständen nur schwer interveniert werden.
Es bestehen aber auch Risiken, die sich aus der Situation des potentiellen Opfers ergeben. Das potentielle Gewaltopfer sollte darauf achten, dass es nicht alleine ist und Ausweichmöglichkeiten bestehen. Insgesamt muss beachtet werden, dass eine Einnahme der Opferrolle bzw. der Täterrolle, welche innerhalb der Interaktion eingenommen wird, sich wechselseitig beeinflusst und insgesamt eine Eskalation begünstigt. Daher soll dem Klienten auch auf gleicher Höhe begegnet werden. Sitzt ein Klient sollte man sich auch hinsetzten. Ein Sicherheitsgefühl, z.B. durch das eigene Büro, kann trügen.124
Gewalt am Arbeitsplatz und deren Auswirkungen
Nachdem die generellen Grundlagen zum Themenbereich Gewalt und Aggression beschrieben worden sind, wird nun der Bereich der Gewalt am Arbeitsplatz dargestellt. Die Studierenden im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften sollen durch das Deeskalationstraining auf Praktika und auf ihr Berufsleben nach dem Studium vorbereitet werden. Folglich muss untersucht werden, für welche Berufsgruppen ein Risiko von Gewalterfahrungen besteht und welche Auswirkungen ein Gewalterlebnis haben kann.
Definition Gewalt am Arbeitsplatz
Gewalt am Arbeitsplatz wird definiert als: „in Zusammenhang mit der Arbeit stehende Ereignisse – einschließlich des Weges von und zur Arbeit -, bei denen Mitarbeiter beschimpft, bedroht oder angegriffen werden und die eine ausgesprochene oder unausgesprochene Drohung gegen deren Sicherheit, Wohlergehen oder Gesundheit beinhalten.“125
Die Berufsgenossenschaften vertreten die Meinung, dass diese Definition noch weiter gefasst werden muss, um auch gewalttätige Vorfälle bezüglich Personen in Ausbildungsverhältnissen mit einbeziehen zu können.126
Gewalt am Arbeitsplatz
Das Phänomen der Gewalt am Arbeitsplatz betrifft verschiedene Berufsgruppen. Hauptrisikofaktoren für Beschäftigte sind:
- direkter Dienst am Menschen (z.B. Beratung, Information, Sozialfürsorge).
- Ausübung von direkter Kontrolle oder amtlichen Befugnissen (z.B. finanzielle Leistungen versagen).
- Arbeit in der Nacht (z.B. Heime, Notschlafstellen).
- Einzelarbeitsplätze oder kleine Teams.
- Arbeitsplatz in einer Gegend mit hoher Kriminalität .
Zu den potentiellen Opfern zählen Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, aber auch Mitarbeiter der Polizei, Angestellte in Banken und Busfahrer etc.
In Deutschland erfolgt eine Meldung an die zuständige Berufsgenossenschaft nur dann, wenn es unmittelbar zu Verletzungen mit einer Arbeitsunfähigkeit kam. Psychische Traumatisierungen durch ein Gewaltereignis werden häufig nicht erfasst, da der Zusammenhang zum auslösenden Ereignis oft nicht erkannt wird.
Die Ergebnisse einer EU-weiten Erhebung im Jahr 2000 haben Folgendes ergeben:
- 4% der europäischen arbeitenden Bevölkerung waren von übergriffen Dritter, also physischer Gewalt, betroffen.
- 9% waren psychischer Gewalt ausgesetzt.
Nach Angaben des statistischen Bundesamtes im Jahre 2000 waren das auf Deutschland übertragen:
- ca. 1,6 Millionen Beschäftigte, die physischer Gewalt ausgesetzt waren
- ca. 3,6 Millionen, die psychischer Gewalt am Arbeitsplatz ausgesetzt waren.127
Mögliche Folgen der Gewalt am Arbeitsplatz
Die Folgen der Gewalt am Arbeitsplatz können sich körperlich auswirken (z.B. Schürfwunden, Schnittwunden, Zahn- und Augenverletzungen, Gehirnerschütterung). Psychischen Folgen können eine akute Belastungsreaktion und auch eine posttraumatische Belastungsstörung sein. Beide sind häufig bei Opfern von Gewalttaten zu beobachten. Während eine akute Belastungsreaktion innerhalb weniger Tage wieder abklingt, kann die posttraumatische Belastungsstörung zu massiven somatischen Beschwerden und sogar zum Ausscheiden aus dem Beruf führen. Betriebliche Auswirkungen sind dadurch zu verzeichnen. Mitarbeiter, die Gewaltsituationen ausgesetzt waren, können Angst vor weiteren Gewaltsituationen entwickeln, ihre Motivation kann sinken, sie könnten häufiger fehlen, und die Produktivität kann nachlassen.
Daher werden verschiedene präventive Maßnahmen genannt, die ein Betrieb einleiten sollte. Erstens sollen die Arbeitsplätze durch organisatorische und bauliche Maßnahmen so gestaltet werden, dass der potentielle Täter abgeschreckt wird (z.B. ausreichende Beleuchtung, Alarmanlagen, Vermeidung von potentiellen Waffen in der Nähe des Täters). Zweitens sollen die Mitarbeiter geschult werden, solche schwierigen Situationen im Vorfeld zu erkennen und deeskalierend darauf einzugehen. Drittens sollen die Opfer einer Gewalttat betreut werden, um eventuelle Auswirkungen zu reduzieren.128
Wie bereits in Kapitel 2.2 geschildert, ist die Thematik des Deeskalationstrainings im sozialen Bereich generell noch nicht sehr bekannt. Von den verschiedenen Institutionen müsste mehr Aufklärungsarbeit für gewaltpräventive Schulungen betrieben werden. Falls Deeskalationstrainings in das Ausbildungssystem der Fachhochschulen integriert werden würden, könnten sie einen Beitrag dazu leisten, die Studierenden frühzeitig über die Wichtigkeit gewaltpräventiver Schulungen aufzuklären.
Genderperspektive
Im sozialen Bereich wird mit Menschen beider Geschlechter gearbeitet. Daher wird nun der Genderaspekt zu diesem Themenbereich dargestellt.
In der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte ist unumstritten, dass zumindest die körperliche Gewalt männlich besetzt ist. Das Verhältnis wird auf 90:10 festgelegt. Junge Männer sind häufig die Täter. Im Gegensatz dazu ist die Verteilung bei der innerfamiliären Gewalt fast paritätisch.
Im Bereich der Gewalt in der Schule sind Jungen drei bis vier Mal häufiger Täter von physischen Gewalttaten. Erhebungen haben aber auch belegt, dass Jungen signifikant häufiger Opfer von Gewalttaten werden.
Das kann jedoch nicht als Beleg dafür verwendet werden, dass Männer tatsächlich aggressiver sind. Frauen können subtilere Methoden wählen bzw. die eigene Gewalt gegen sich selbst richten. Im Vergleich zu den Männern wenden Frauen eher Strategien an, die zu psychischen Schäden führen können. Eine weitere Erklärung ist aber auch, dass Frauen oftmals nicht selbst kämpfen. Männer handeln dann stellvertretend für sie. Als Gegenleistung bewundern sie ihre Männer und trösten sie hinterher bei Bedarf.
In den letzten 25 Jahren wurde eine Zunahme der Frauenkriminalität im Allgemeinen, aber auch der durch Frauen begangenen Gewaltkriminalität verzeichnet (z.B. brutale Mädchen-Gangs). Die Entwicklung kann durch die Orientierung an männlichen Verhaltensmustern begründet werden (Emanzipation).
In der Forschung ist nicht umstritten, dass Geschlechterunterschiede bezüglich des aggressiven und gewalttätigen Verhaltens bestehen. Die Ursachen sind noch nicht gänzlich erforscht. Es werden einerseits biologische Gründe angenommen, andererseits aber auch Sozialisationseinflüsse und geschlechtsrollenspezifische Erwartungen vermutet. Aggressive Handlungen von Jungen werden verstärkt, Mädchen sollen eher Hilfsbereitschaft und Sanftmut zeigen. Insgesamt kann an der These, dass Frauen nicht im gleichen Maße Gewalt anwenden wie Männer, festgehalten werden.129
Hans-Peter Nolting führt zusätzlich an, dass individuelle Unterschiede im persönlichen Umgang wichtiger sind als die geschlechtsspezifischen. Das bedeutet, dass sowohl Frauen als auch Männer als Klient gewalttätig werden können, wenn sie dieses Verhalten erlernt haben und über keine anderen Strategien verfügen.130
Zusammenfassung
Es ist schwierig, Gewalt und Aggression voneinander zu unterscheiden und zu definieren. Nicht nur die Wissenschaft vertritt dazu unterschiedliche Sichtweisen. Zusätzlich erschwert die individuelle Bewertung eine genaue Unterscheidung. Neuere Definitionen ermöglichen eine bessere Abgrenzung. Das Definitionskapitel wurde umfangreich gestaltet, da in der praktischen Durchführung des Deeskalationstrainings eine thematische Einheit geplant ist.
Für die Erklärung konkreter Aggressionsphänomene wird stets die Synthese verschiedener Faktoren benötigt. Die inneren Prozesse, die Situation, die Person, deren Entwicklung sowie interpersonale Bezüge sind von Fall zu Fall unterschiedlich auszufüllen.131 Sozialarbeiter und Sozialpädagogen sollten über die verschiedenen Faktoren aufgeklärt und auf eventuelle schwierige Situationen vorbereitet werden.
Die Handlungsempfehlungen zur Aggressionsminderung wurden aus dem Grundlagenwissen der Konfliktthematik (Ursachen und Aufrechterhaltung) und aus den Modellen der Entstehung von Aggression und Gewalt abgeleitet.
Da die Handlungsempfehlungen ebenfalls im Deeskalationstraining vermittelt werden, wurden sie umfangreich aufgeführt. In der praktischen Durchführung wird nur auf diese Kapitel verwiesen. Trainingsteilnehmer werden nicht alle Interventionsmöglichkeiten internalisieren. Einige Empfehlungen werden jedoch in der Erinnerung der Teilnehmer gespeichert.
Die Gewalt am Arbeitsplatz ist ein aktuelles Thema. Von Arbeitgebern wird der Handlungsbedarf zum Schutze der Mitarbeiter gesehen, da auch Folgeerscheinungen auftreten können. Die Aufklärung der Mitarbeiter sollte intensiviert werden. Fachhochschulen könnten die Studierenden bereits in der Ausbildung über den Themenbereich aufklären.
Der Genderaspekt kann nicht generalisiert angewendet werden. Die Berücksichtigung der bisherigen Erfahrungen und der Lebensgeschichte des jeweiligen Klienten muss in jedem Einzelfall erfolgen.
Der hier dargestellte umfassende Themenbereich kann im Deeskalationstraining nicht vollständig behandelt werden, Exkurse auf Rückfragen von Teilnehmern sind jedoch möglich.